In seiner kleinen Schrift La Grève des Ventres [Der Gebärstreik] von 1908 antizipiert Fernand Kolney (1868–1930) gleichsam den letzten Messiah, von dem später der norwegische Existenzphilosoph Zapffe sprechen sollte. Zunächst teilt Kolney uns mit, dass das Warten auf den Messiah über Jahrtausende ein vergebliches Unterfangen war:
„Und immer noch bist du messianisch gesinnt und rufst unter Aufbietung aller Kräfte nach dem Kommen der Erlöser. Nun sind es bereits dreitausend Jahre, in denen du sie suchst; dreitausend Jahre, in denen du, verhöhnt, verkauft, getäuscht, ausgehungert, versklavt, erschossen wurdest und doch immer wieder diese Hoffnung aufbringst; es sind dreitausend Jahre, in denen du Propheten jeglicher Couleur und diversen Führern – Königen, Bischöfen, Generälen, Ministern, Politikern – nachgelaufen bist, die sich mühten, dich in das friedliche Eden, das gelobte Land, die Stadt der Harmonie usw. usf. einzuführen.“
Sodann erläutert Kolney, dass die Kraft der Worte, wie sie sich in sozialistischen oder anarchistischen Systemen niederschlug, nicht ausreicht, um die Welt zum Guten hin zu ändern:
„Du glaubst an die Tugend der Worte; du glaubst, dass ein wenig Rhetorik und etwas Klugheit das Gesicht der Welt verändern können; du wähnst, dass ein System, sei es sozialistisch oder anarchistisch, den Menschen sofort besser machen, den Klassenegoismus überwinden, die unterdrückerische Bourgeoisie stürzen und schließlich eine Gesellschaft schaffen muss, die auf gegenseitiger Brüderlichkeit und Hilfe beruht.“ (3f)
Jede Bewegung habe sich auf Führer verlassen, die das Volk früher oder später verrieten. Kolney stellt dem entgegen, dass das Volk führerlos agieren müsse:
„O Volk!, wann wirst du endlich verstehen, dass die Aufgabe von Führern noch immer darin bestand, Verrat zu begehen? Wann wirst du endlich begreifen, dass du deine Revolution ganz allein machen musst, ja, ganz allein, ohne Auguren, ohne Messias, ohne Politiker?“ (9)
Nachstehend gibt Kolney einen ersten, etymologischen, Wink, wie die kommende Revolution auszusehen hat, indem er sich dem Wort „Proletarier“ näher:
„Bitte höre uns an. Wir sind keine Orvietan-Verkäufer, keine Scharlatane, die Allheilmittel verkaufen. Noch nie hast Du gesehen, dass wir vor dem Wahlkampfwagen stehen, und Du wirst uns dort auch niemals antreffen. Wir wollen dir nur mitteilen, dass der letzte Name, den man dir gegeben hat, Proletarier ist, was so viel bedeutet wie „der, der sich vermehrt, der viele Kinder hat.“ (10)
Während wir uns selbst heute noch anhören müssen, der Mensch sei doch von Natur aus ein sich fortpflanzendes Wesen, wurde Kolneys Leserschaft bereits seinerzeit eines Besseren belehrt. Er positioniert sich gegen alle Rousseau-ismen und erfasst das Fortwirken biologischer Radikale aller gesellschaftlichen Überformung zum Trotz. Kolney fordert uns auf, dem pseudo-natürlichen Diktat der Geburt zu widerstehen. Er weiß, dass der Mensch bis in den Fortbestand der Gattung hinein ein Kulturwesen ist:
„Vergiss nicht, dass die sozialen Gesetze teilweise ein Spiegelbild der Naturgesetze sind und dass, wenn die Naturgesetze schlecht sind, die Natur der ewige Widersacher des Menschen bleiben wird. Höre nicht auf die Dichter, die Denker der Akademie, der Salons oder der Schutztruppen, die Anbieter von Gemeinplätzen, die Unterhändler der vier Jahreszeiten mit vorgefertigten Phrasen und sentimentalen Schwärmereien. Sie werden dir sagen, dass die Natur die Erzieherin, die Mutter, die wachsame Wohltäterin ist. Dabei hat die Natur all die Übel erfunden, unter denen du leidest, die Krankheit in all ihren Formen, die Rücksichtslosigkeit in allen Nuancen. Mit dem von ihr diktierten Menschengewimmel hat sie die Barbarei und damit eben jene abscheuliche Gesellschaft geschaffen, die dich erdrückt. Vergiss nicht, dass die Natur den Einzelnen dazu bringt, sich der Spezies zu opfern, indem sie ihm befiehlt, sich ohne Maß und Regel zu vermehren. Du hast das Recht, ja sogar die Pflicht, deine Fortpflanzung einzuschränken, ein Individualist zu sein – ein Egoist im erhabenen Wortsinne – indem du dich weigerst, deinen eigenen Schmerz in deinen Söhnen zu verewigen, und indem du versuchst, dich körperlich und moralisch zu verbessern. Du wirst es bereits begriffen haben: Erst nach dem Auftreten ausgewählter, vollendeter Wesen wird es möglich sein, eine gerechte Zivilisation von Grund auf neu zu erschaffen.
Befreie dich also von der Instinktivität der Tiere; lerne, ein wirklicher Mensch zu sein, d.h. nicht gedankenlos zu erschaffen.
Mache wenige Kinder; mache keine mehr und du bist gerettet.“ (10f)
Im Folgenden propagiert Kolney den Gebärstreik als das einzige probate Mittel, um die kapitalistische Gesellschaft mit ihren Formen der Ausbeutung hinter sich zu lassen. Sein Rezept ist bei alledem kein genuiner Antinatalismus, sondern nur ein Denatalismus à la Bourgeoisie, weil sich die Bourgeoisie längst in der Ein- bis Zwei-Kind-Familie übe. Die Fortzeugung sei gleichsam das einzige Reservat der Arbeiterklasse, in welches die herrschende Klasse all ihrer Waffengewalt zum Trotz nicht eindringen könne, um mehr Arbeitskräfte zu erzwingen:
„Dein Verstand ist scharf, deine Vernunft ist umfassend. Beseitige nur noch den christlichen Virus, und du wirst du verstehen, dass der Malthusianismus das einzige Mittel ist, um die soziale Revolution ohne Kataklysmen und Massaker durchzuführen. Er ist die höchste, schrecklichste, unerbittlichste Waffe des Volkes. Weigere dich, dich fortzuzeugen, organisiere nicht den Streik der Hände, aus dem du stets als Verlierer hervorgehst, sondern den Gebärstreik. – Und du hältst den Sieg in Händen! Züchte keine Sklaven mehr. Da du es nicht vermagst, deine Hölle hinter dir zu lassen: Vermehre dich nicht weiter, erschaffe keine Kinder, damit sie dir nicht in diese infame Hölle folgen, und die Bourgeoisie wird am Boden zerstört sein. Wie du dir sicher denken kannst, wird sie niemals zustimmen, ihre Kasernen und Industriezuchthäuser mit ihren eigenen Söhnen zu bevölkern. Was wird sie also tun? Soll sie Gesetze erlassen? Ach was! Diesmal ist es das Volk, das sich im Besitz des Rettungsmittels befindet. Eine Gesetzgebung, wie auch immer sie aussehen mag, kann die Unterworfenen nicht dazu zwingen, sich zu vermehren, wenn sie sich dieser Aufgabe freiwillig entziehen. Wenn diejenigen, die dich unterdrücken, das Mittel der Erschießung nutzen, um den Erhalt und den Fortbestand des gegenwärtigen monströsen Zustands der Dinge zu sichern, so können sie doch keine Gewehre einsetzen, um neues Fleisch für die Ausbeutung zu erzwingen.
Wenn die Arbeiter den Malthusianismus auch nur in dem Maße übernehmen, in dem die wohlhabende Klasse ihn praktiziert, werden wir in den nächsten zwanzig Jahren einen echten Mangel an Lohnarbeitern haben. Kein Theoretiker wagt es indes, der Revolution eine so kurze Frist zu setzen. Der kalkulierte, fortschreitende Selbstmord des Volkes bedeutet die allgemeine Umwälzung der Gesellschaft. Das Kapital steht hilflos und ohnmächtig vor seinen angehäuften Reichtümern, vor seinen Goldhaufen, die fürderhin nur noch den Wert von Kieselsteinen oder aufgehäuftem Schutt haben werden. Was soll die faule Klasse tun, wenn die Arbeitskräfte knapp werden, wenn es nicht mehr genug Hände für die Sklavenarbeit gibt, wenn es in fünfzig Jahren vielleicht überhaupt keine mehr gibt? Will sie auch künftig essen, muss sie ihrerseits arbeiten und all die abscheulichen Arbeiten verrichten, die sie dem Proletariat durch die Allmacht ihrer Gesetze und ihres Geldes aufzwingt. Wenn sie weiterhin nach Luxus strebt, wird sie sich künftig an der menschlichen Betriebsamkeit beteiligen müssen.“ (12f)
Kolneys Messiah ist der bei sich bleibende – sich und seine Leiden nicht fortzeugende – Mensch. Unverständlich bleibt, warum Kolney nur zu einem dezidierten Denatalismus vordringt und keinen antinatalistischen Durchbruch wagt. Allein schon seine Einsicht in das Fortwirken biologischer Radikale im Menschen sowie seine Skepsis gegenüber Sozialismus oder Anarchismus legen einen antinatalistischen Durchbruch nahe. Gleichwohl muss bei ihm eine Resthoffnung auf das gesellschaftlich ganz Andere fortwirken.